Eckpunktepapier für eine Konzeption der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V. 
(beschlossen vom Vorstand am 6. September 2000)

Vorbemerkungen

  • Die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. als Gesamtorganisation ist ein Mitgliedsverband/Verein, der für seine Mitglieder tätig ist und Trägerschaften sozial-diakonischer Einrichtungen und Dienste inne hat.
    Sie leistet gesellschaftliche Arbeit.
  • Es handelt sich um beziehungsorientierte Dienstleistungen mit Angebotscharakter und Verbindlichkeitsstruktur.
  • Diese Dienstleistungen sind persönlich erbrachte prozess- und beziehungsorientierte Dienstleistungen für und mit Frauen.
  • Die Verbindung innerhalb der Gesamtorganisation besteht aus einem Netz von beziehungsorientierten Dienstleistungen.
  • Der Charakter und die Qualität der Dienstleistungen werden stark bestimmt von ihrem Inhalt und den Beziehungen zwischen Dienstleisterinnen und Adressatinnen.
  • Die Bedeutung aller Mitarbeiterinnen (haupt-, neben- sowie ehrenamtlichen) steigt mit zunehmender Beziehungsorientierung. Umfassendes Qualitätsmanagement bedeutet daher für alle Mitarbeiterinnen aller Hierarchiestufen:
    - Integration und Partizipation am Qualitätsprozess
    - Identifikation mit den zentralen Grundlagen der Gesamtorganisation.
  • Die Dienstleisterin versteht ihre Arbeit als Angebote; die Adressatin wählt, sofern ihr möglich, autonom und selbstbestimmt aus der Angebotspalette aus. Einflussnahme auf die und Mitgestaltung der Dienstleistungen sind gegeben.
    Daraus ergibt sich:
  • Die beziehungsorientierten Dienstleistungen der Gesamtorganisation werden im wesentlichen durch drei Dimensionen bestimmt:
    - die christliche,
    - die gesellschaftspolitische und
    - die ressourcenorientierte Dimension.
  • Die Gesamtorganisation achtet auf Wirtschaftlichkeit.

Legitimations- und Handlungsdimensionen der Frauenhilfe

  • Satzungsgemäße Grundlage der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V. ist:
    „Grundlage aller Frauenhilfearbeit ist die Botschaft der Bibel und das Vertrauen auf die Verheißungen des Evangeliums von Jesus Christus. Die Zuwendung Gottes zu den Menschen wirkt als Befreiungs- und Heilungsgeschehen in die Lebenswirklichkeit von Frauen hinein.“
  • Die Legitimationsdimension ist hiermit die christliche Dimension.
  • Hinter der Formulierung der Grundlage der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V. steht ein theologisches Verständnis, das befreiungstheologische und feministisch-theologische Erkenntnisse aufnimmt. Es geht davon aus, dass die Grundaussagen der Bibel (Altes und Neues Testament) Befreiung und Heilung (Heilwerden) umfassen: Befreiung meint frei sein von sozialen, hierarchischen und patriarchalen Abhängigkeiten. Heilung - Heilwerden meint, ein Recht auf Akzeptanz des physischen und psychischen Seins, das Gott den Menschen zusagt.
    Diese Heil- und Heilungszusage ist in die Lebenswirklichkeit von Frauen zu vermitteln. Frauen werden und haben sich über die Jahrhunderte bis heute als unwert, als minderwertig, als zu klein empfunden, um die Heilsmittel Gottes in Anspruch zu nehmen bzw. selbst weiterzugeben.
    Um Menschen, insbesondere Frauen, diese Befreiungs- und Heilungszusage glaubhaft und handlungsorientiert weitergeben zu können, ist es zwingende Voraussetzung, ihre Lebenssituation genau zu kennen: zu wissen, wie, wovon und in welchen Beziehungen sie leben und welchen besonderen, frauenspezifischen Belastungen und Benachteiligungen sie ausgesetzt sind; aber auch, welche besonderen Fähigkeiten, Kompetenzen und Stärken sie haben.
    Alle Handlungen müssen sich in letzter Konsequenz durch dieses christliche Grundverständnis legitimieren und sind daraufhin zu prüfen, ob sie parteilich für Frauen sind.
    Nachrangig sind Gesetzesgrundlagen oder ausgearbeitete fachliche Konzepte.
  • Frauenhilfe versteht sich gemäß Satzung als Partnerin der evangelischen Kirche: Sie ist Teil der evangelischen Kirche und auch Gegenüber der verfassten Kirche. Sie weiß sich eingebunden in die weltweite Ökumene.

Die Handlungsebene ist von zwei Dimensionen geprägt:
von Teilhabe und Hilfe.

  • Teilhabe ist die gesellschaftspolitische Handlungsdimension und meint die Stellung der Frau in Beziehung zur bestehenden Gesellschaft und ihre Zugangsmöglichkeiten z.B. zum Bildungs-, Rechts- oder politischen System. Teilhabe ist auch die Mitgestaltung der gesellschaftspolitischen und kirchenpolitischen Rahmenbedingungen über die bestehenden Strukturen hinaus, d.h. system- und strukturverändernd. Parteilichkeit für Frauen ist dabei ein Leitmotiv.
  • Hilfe umfasst das gesamte verfügbare Wissen und das methodische Know-How sowohl der Dienstleisterin als auch der Adressatin (ressourcenorientierte Dimension) und meint die jeweiligen individuellen Möglichkeiten zur Gestaltung dieses Beziehungsprozesses. Entscheidende fachliche Grundsätze in dem Beziehungsprozess sind Orientierungen an den Interessen, Bedürfnissen und Möglichkeiten der Adressatin unter Einbeziehung ihrer Ressourcen und ihrer Lebenswelt.

Das Handlungsziel aller drei Dimensionen ist die „Lebenserfülltheit“ (Joh. 10, 10 b), das „Leben in Fülle“ von Frauen zu fördern bzw. zu ermöglichen.

Die Handlungsziele

Das grundsätzliche Handlungsziel der Gesamtorganisation ist, die Lebenserfülltheit von Frauen zu fördern bzw. zu ermöglichen.
Weitere Handlungsziele lassen sich konkretisieren über den Namen des Verbandes:

„Evangelische“:
Alles Handeln der Frauenhilfe wird legitimiert durch die befreiende Botschaft der Bibel. Die durchdringende Dimension ist die christliche, die Räume und Möglichkeiten schaffen will, um die Zuwendung Gottes zu den Menschen als Befreiungs- und Heilungsgeschehen in die Lebenswirklichkeiten von Frauen zu vermitteln. Die Arbeit gegen Gewalt ist zentraler Bestandteil der gesamten Arbeit der Gesamtorganisation. Die Verknüpfung von gemeindebezogener, bildungsorientierter und sozial-diakonischer Arbeit dient der nachhaltigen Verwirklichung einer geschlechtergerechten, zukunftsfähigen und gewaltfreien Kirche und Gesellschaft. Ziele des Handelns sind daher u.a. persönliche Lebenshilfe, Glaubensorientierung, Begleitung und Vergewisserung, die Inhalte des Konziliaren Prozesses (Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung), von Mission und Ökumene zu verwirklichen.
„Frauen“:
Da das Handeln der Frauenhilfe parteilich für Frauen ist, sollen Frauen gestärkt werden, für sich selbst einzutreten. Ihre Lebenswirklichkeiten und ihre Belange gilt es wahrzunehmen, zu vertreten und gegebenenfalls in ihrem Interesse zu verändern. Die Gesamtorganisation unterstützt in allen Handlungsfeldern Frauen in ihrem Bemühen, ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie weiß, dass alle Frauen von Gewalt bedroht oder betroffen sind, und arbeitet daher offensiv für Veränderungen in Kirche und Gesellschaft, die die Situation von Frauen verbessern.
„Hilfe“:
Handeln der Frauenhilfe geschieht in zwei Handlungsbezügen: in der Gemeinde und in der Sozialdiakonie. Dabei sind wesentlich zwei Handlungsdimensionen, die sich auf der Handlungsebene in Teilhabe und Hilfe ausdrücken.

Charakteristika der Dienstleistungen

Als Aufgaben der Frauenhilfe werden im § 3 der Satzung beschrieben:

  • Gemeinschaft zu erleben
  • für Frauen parteilich zu sein
  • Frauen und ihre Gruppen zu beraten, zu fördern und zu begleiten
  • Frauen zu ermutigen und zu stärken
  • Frauen in ihren Fähigkeiten, Kompetenzen und Problemlagen wahrzunehmen

Aus der satzungsgemäßen Grundlage und den Aufgaben ergeben sich folgende Charakteristika der Dienstleistungen:

  • bildungsorientiert
  • gemeindebezogen
  • sozial-diakonisch.

Konkret gestalten sich die Charakteristika in unterschiedlicher Gewichtung:

  • Spiritualität, Gottesdienst, Verkündigung wie z.B.
    sich vor Gott versammeln; die befreiende Botschaft der Bibel heute hören und verkündigen; singen, beten, meditieren.
  • Gemeinde-Aufbau und Gemeinde-Förderung wie z.B.
    zum Glauben, zur Gemeinschaft und zur Mitarbeit einladen; Gemeinde in verschiedenen Lebensphasen leben; Gemeindeleben gestalten; Gruppenbildung fördern; Mitarbeit in der Gestaltung von Gottesdiensten
  • Anti-Gewalt-Arbeit wie z.B.
    erkennen, reduzieren und verändern von Strukturen, die Gewalt provozieren und fördern; suchen von Kooperationen und Bündnissen, die gewaltreduzierend wirken; benennen derer, die Gewalt ausüben und derer, die von Gewalt betroffen sind.
    Die Gesamtorganisation legt dabei den Gewaltbegriff von Johan Galtung zugrunde: „Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung.“ Sie verurteilt Gewalt gegen Menschen in jeder Form.
  • Erziehung, Bildung wie z.B.
    christliche Werte vermitteln und unterstützen; den evangelischen Beitrag zur Bildung leisten; auf dem Hintergrund christlicher Vorstellungen zur Lebensgestaltung und Lebensorientierung beitragen
  • Seelsorge und Beratung wie z.B.
    Frauen begleiten und parteilich beraten, annehmen, trösten, ermutigen und befähigen
  • Themen- und frauenbezogene gesellschaftliche Projekte wie z.B.
    in der Gesellschaft mit dem Evangelium als Gesprächspartnerin präsent sein und sich parteilich einmischen; Frauen in ihrer Lebenswirklichkeit wahrnehmen und auf sie eingehen; Geschichte und Traditionen von Frauen sichtbar machen.
  • Ökumene, Mission wie z.B.
    Verständnis füreinander fördern; für den christlichen Glauben eintreten, den christlichen Glauben unterstützen, partnerschaftlich zusammenarbeiten; sich im Rahmen des Konziliaren Prozesses parteilich für Frauen einsetzen
  • Sozial-diakonisches Handeln wie z.B.
    sich parteilich für Frauen einsetzen; Hilfen leisten; unterstützen und heilen; Selbsthilfe fördern
  • Medien- und Öffentlichkeitsarbeit wie z.B.
    die theologischen und ethischen Überzeugungen, politischen Positionen und die Dienstleistungen der Gesamtorganisation auf dem Markt der Meinungen vertreten
  • Aus-, Fort- und Weiterbildung wie z.B.
    haupt-, neben- und ehrenamtlich mitarbeitende Frauen für ihre Aufgaben und Verantwortlichkeiten aus-, fort- und weiterbilden; Lebens- und Glaubensorientierung vermitteln
  • Gremienarbeit wie z.B.
    Entwicklungen, Rahmenbedingungen und Zielsetzungen in Kirche, Politik und Gesellschaft parteilich für Frauen auf verschiedenen Ebenen mitgestalten

Die Handlungsbezüge

Bildung im Sinne von ressourcenorientierte Befähigung (Empowerment) beschreibt das zentrale Instrument, über das der Interaktionsprozess zwischen den Zielgruppen (Akteurinnen) und der Gesamtorganisation gestaltet wird.
Strukturell weist die Gesamtorganisation zwei Handlungsbezüge in ihrer Arbeit auf:

  • Gemeindeaufbau und Gemeindeförderung
  • sozial-diakonische Einrichtungen und Dienste

Jeder der zwei Handlungsbezüge erhält Impulse und Ausrichtung durch den anderen Bezug. Keiner der Handlungsbezüge darf dem anderen schaden, ihn einschränken oder ihm widersprechen.
Die Verknüpfung der Handlungsbezüge dient der nachhaltigen Verwirklichung einer geschlechtergerechten, zukunftsfähigen und gewaltfreien Kirche und Gesellschaft.

Gemeinde:
Der Handlungsbezug Gemeinde umfasst das, was innerhalb der Gesamtorganisation als „gemeindebezogene“ oder „gemeindeorientierte“ Frauenarbeit bezeichnet wird und benennt die Akteurinnen und/oder den Ort. Innerhalb der Gesamtorganisation bedeutet dieser Handlungsbezug:

Zielgruppenorientiertes Handeln und Denken bezieht sich auf:

  • Frauen, die als Mitglieder der Frauenhilfen vor Ort organisiert sind
  • Ehrenamtliche der Frauenhilfen
  • Ehrenamtliche der Gemeinde und des Kirchenkreises
  • neben- und hauptamtliche Frauen der Gemeinden und Kirchenkreise
  • ökumenisch interessierte Frauen
  • theologisch und/oder spirituell interessierte Frauen
  • sozialpolitisch oder diakonisch interessierte Frauen

Zielgruppenorientiertes Handeln und Denken zeigt sich in Stärkung, Förderung, Wahrnehmung und Befähigung der Akteurinnen mittels unterschiedlicher Dienstleistungen. Dies kann verbindlich und kontinuierlich oder zeitlich befristet sein. Beispiele sind Projekt-/ Kampagnenarbeit, Bildungsangebote, Gottesdienst, Beratung, Vortrag und Informationsschreiben.

Der Handlungsbezug Gemeinde legitimiert die Institutionalisierung von Sozialdiakonie.

Sozial-Diakonie:
Im Handlungsbezug Gemeinde werden Problemanzeigen und Problembewusstsein in Kirche, Politik und Gesellschaft deutlich. Die Gesamtorganisation sucht in enger Verbindung mit Frauen nach Lösungsansätzen, die auch in sozial-diakonisches Handeln einfließen können.

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