Offener Brief wegen ziviler Seenotrettung

(November 2021)

Offener Brief wegen ziviler Seenotrettung (November 2021)

Aufgrund eines aktuellen Lageberichtes und Hilfeaufrufes von United4Rescue Anfang November hat die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen einen Offenen Brief an die neu- und wiedergewählten Bundestagsabgeordneten aus NRW geschrieben mit folgendem Wortlaut:

Sehr geehrte neu- und wiedergewählten Bundestagsabgeordnete aus NRW,
heute wenden wir uns mit einem dringenden Appell zur aktuellen Lage der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer an Sie.
Die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. ist dem Bündnis United4Rescue im Dezember 2019 als „Bekenntnis zur Mitmenschlichkeit“ beigetreten - die Lage spitzt sich jedoch dramatisch zu.
Sie können helfen! Sie können handeln!
Mehr als 800 gerettete Menschen befinden sich aktuell an Bord der SEA-EYE 4. Diese große Zahl von Geretteten auf einem der Bündnisschiffe von United4Rescue ist ein trauriger Rekord.
Wie kam es dazu?
In einem gemeinsamen, nächtlichen Einsatz kamen die Rettungsteams der Organisationen Sea-Eye e.V. und Mission Lifeline e.V. einem völlig überfüllten, leckgeschlagenen Holzboot zu Hilfe – und brachten sie an Bord der SEA-EYE 4. Es war der siebte dramatische Rettungseinsatz in kaum 24 Stunden!

Obwohl die zuständigen staatlichen Stellen in Malta über viele Stunden von dem Seenotfall informiert waren, wurde keinerlei Hilfe eingeleitet oder koordiniert. Trotz der großen Entfernung zum Notfall und der knapp vierhundert Geretteten, die sich bereits an Bord der SEA-EYE 4 befanden, entschieden die Einsatzleiter:innen von Sea-Eye und Mission Lifeline, dem Boot zu Hilfe zu kommen.

Die RISE ABOVE, das kleine, schnellere Rettungsschiff von Mission Lifeline, erreichte das lecke Holzboot zuerst. Mehrere Menschen waren ohne Schwimmwesten im Wasser und konnten gerettet werden. Die SEA-EYE 4 traf kurze Zeit später ein. Die Besatzungen der Rettungsboote versorgten alle Menschen umgehend mit Rettungswesten, beruhigten sie und stabilisierten zunächst die gefährliche Situation. So konnte ein Kentern durch Panik verhindert werden. Medizinische Notfälle wurden als Erste auf die SEA-EYE 4 evakuiert, eine Person konnte erfolgreich noch auf einem Rettungsboot auf dem Weg zur SEA-EYE 4 reanimiert werden. Erst um Mitternacht war die Evakuierung aller Bootsflüchtlinge auf die SEA-EYE 4 abgeschlossen.

Jetzt befinden sich mehr als 800 Menschen an Bord der SEA-EYE 4.
Nicht nur für die Geretteten, sondern auch für die 24köpfige Besatzung ist die Situation an Bord eine extreme Belastung.
Mit United4Rescue fordern wir:
STOPPT DIE UNTERLASSENE HILFELEISTUNG!
Die zuständigen EU-Staaten wie Malta und Italien müssen unmittelbar ihrer staatlichen Verantwortung nachkommen. Notrufe dürfen nicht ignoriert werden, sondern die Küstenwache muss immer sofort zu Hilfe kommen, wo Hilfe gebraucht wird!

LASST SIE AN LAND!
Die Situation auf der SEA-EYE verlangt die sofortige Zuweisung eines sicheren Hafens. Viele Hundert geschwächte, traumatisierte Bootsflüchtlinge dürfen nicht tage- oder wochenlang auf einem Schiff gehalten werden. Politik darf keine Rolle spielen, wenn es um die Gesundheit und das Leben von Menschen geht. Alle Geretteten müssen sofort an Land gebracht werden!

DEUTSCHLAND MUSS HELFEN – OHNE WENN UND ABER
Angesichts der Ausnahmesituation auf der SEA-EYE 4 muss schnell geholfen werden. 
Unsere deutsche Bundesregierung hat alle Möglichkeiten zu helfen und kann vorangehen. Hunderte Städte und Kommunen in unserem Land stehen bereit, die Geretteten unverzüglich aufzunehmen!

Wir appellieren auch an die Gesprächspartner:innen in den derzeitigen Koalitionsverhandlungen:
Die Situation auf der SEA-EYE 4 zeigt wie unter einem Brennglas, dass die Abschottungspolitik der vergangenen Jahre keine Lösung ist. Es braucht die Rückkehr zu staatlicher Seenotrettung und endlich sichere, legale Fluchtwege, um aus diesem selbstgemachten Krisenmodus herauszukommen. Die derzeitige Situation an den Europäischen Außengrenze ist das Gegenteil von Humanität und Ordnung, die uns immer wieder von politischer Seite angekündigt wurde.

Zeigen Sie als wieder- und neugewählte Bundestagsabgeordnete den Menschen an Bord des Rettungsschiffes: Ihr seid nicht allein, wir stehen hinter euch!
Wir bitten Sie: handeln Sie, setzen Sie sich ein!
Wußten Sie...
Es ist Tradition zu Allerseelen die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und ihnen zu gedenken. Für die über 22.000 Menschen, die seit 2014 auf ihrer Flucht im Mittelmeer gestorben sind, können keine Gräber geschmückt werden. Das Sterben auf dem Mittelmeer kann so nicht weiter gehen. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten müssen ihrer völkerrechtlichen und humanitären Verpflichtung nachkommen und Seenotrettungsprogramme einrichten. Denn, man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt!
1.420 Menschen fanden nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe im Jahr 2020 den Tod beim Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu flüchten. Die Situation im Mittelmeer und der zivilen Seenotrettung ist ein Skandal! Denn: Ein Menschenleben ist unbezahlbar - Seenotrettung ist es nicht.

 

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