120 Jahre Frauenhilfe –
Meilensteine eines bewegten Weges

Ein Meilenstein des Gewissens: Die Soester Erklärung

Meilensteine - 120 Jahre Frauenhilfe

Im Jahr 1934 stand die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen (EFHiW) an einem Wendepunkt ihrer Geschichte.

Mit der Soester Erklärung setzte sie ein klares Zeichen der Verantwortung und des Glaubens, in einer Zeit, in der politische Macht und ideologische Vereinnahmung das Gewissen vieler Menschen auf die Probe stellten.

Kirche und Verband unter Druck

Seit ihrer Gründung 1906 hatte sich die EFHiW zu einem der größten evangelischen Frauenverbände in Deutschland entwickelt. Mitte der 1930er-Jahre zählte sie rund 155.000 Mitglieder und prägte mit ihren zahlreichen örtlichen Gruppen das kirchliche und soziale Leben in Westfalen maßgeblich.
Mit Bildungsangeboten, Haushaltsschulen, Müttererholungen und ihrem Engagement in den Gemeinden war sie zu einer tragenden Kraft kirchlicher Arbeit geworden.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 geriet auch die Frauenhilfe in den Sog der Gleichschaltung. Staat und Partei forderten Anpassung und Einflussnahme auf kirchliche Strukturen. Innerhalb der evangelischen Kirche verschärften sich die Auseinandersetzungen zwischen den Deutschen Christen und der Bekennenden Kirche.1
Vor diesem Hintergrund stellte sich auch für die EFHiW die Frage nach der eigenen Haltung: Sollte man sich anpassen, neutral bleiben oder klar Stellung beziehen?

Der Weg zur Entscheidung

Im Sommer 1934 begann ein intensiver innerverbandlicher Klärungsprozess. Auf einer Tagung im Juni verabschiedete der Erweiterte Vorstand zunächst die Soester Entschließung, die eine enge Verbundenheit mit der Bekennenden Kirche formulierte.
Am 26. Oktober 1934 folgte schließlich die Soester Erklärung. Sie wurde mit großer Mehrheit beschlossen und beendete den bisherigen Neutralitätskurs des Verbandes.
Mit dieser Entscheidung bekannte sich die EFHiW ausdrücklich zur Bekennenden Kirche und positionierte sich gegen die Deutschen Christen. Sie beendete damit einen bisherigen Kurs der Zurückhaltung, der auch Ausdruck der Unsicherheit vieler kirchlicher Akteure in einer zunehmend von Druck und Einflussnahme geprägten Situation war.

Folgen einer klaren Haltung

Alle angeschlossenen Gruppen wurden aufgefordert, bis zum 15. März 1935 Stellung zu beziehen. Etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Frauenhilfegruppen entschieden sich gegen die Soester Erklärung. Ein Teil von ihnen schloss sich dem neu gegründeten Westfälischen Frauendienst an, der sich an den Zielen der Deutschen Christen orientierte.
Die Auseinandersetzungen führten zu Spannungen und Einschnitten innerhalb des Verbandes und machten deutlich, dass die Entscheidung für viele Beteiligte mit persönlichen und gemeinschaftlichen Konflikten verbunden war. Zugleich machten sie deutlich, welche Tragweite die Entscheidung von 1934 hatte.

Orientierung bis heute

Mehr als 90 Jahre nach der Soester Erklärung hat diese nichts von ihrer Bedeutung verloren. Sie steht für die Bereitschaft, aus dem Glauben heraus Verantwortung zu übernehmen und auch in schwierigen Zeiten eine klare Haltung einzunehmen.
Dazu gehört heute auch eine klare Positionierung gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und jede Form von Ausgrenzung sowie die kritische Auseinandersetzung mit rechtsextremen Positionen.
Die Soester Erklärung ist damit weit mehr als ein historisches Dokument. Sie gehört zum Selbstverständnis der EFHiW und prägt ihr Handeln bis heute. Sie erinnert daran, dass Glaube, diakonisches Handeln und gesellschaftliche Verantwortung zusammengehören – und dass Orientierung immer wieder neu errungen werden muss.

 

Vincenz Schmarsow


[1] Die Deutschen Christen waren eine Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche, die ab 1932 das Ziel verfolgte, Kirche und Glauben im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie umzugestalten; demgegenüber entstand die Bekennende Kirche als kirchliche Oppositionsbewegung, die sich gegen diese Gleichschaltungsversuche wandte und für die Unabhängigkeit von Theologie und kirchlichem Leben eintrat.