120 Jahre Frauenhilfe –
Meilensteine eines bewegten Weges

Ein Meilenstein der Parteilichkeit: Engagement gegen Menschenhandel

Meilensteine - 120 Jahre Frauenhilfe

Mitte der 1990er Jahre rückte das Thema Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung erstmals deutlich in den Blick der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen (EFHiW).
Die Ökumenische Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ (1988–1998) des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) rückte geschlechtsspezifische Gewalt und Menschenhandel ins Zentrum. Die Dekadestelle der Evangelischen Kirche von Westfalen war damals bei der EFHiW in Soest angesiedelt. Dort fanden jährlich sogenannte Dekadewerkstätten, große Bildungsveranstaltungen zu Themen der ökumenischen Dekade, statt. Eine Mitarbeiterin der Mitternachtsmission Dortmund machte dort deutlich, dass Frauenhandel auch in Westfalen ein reales Problem war.

Frauenbeauftragte und Mitglieder der Frauenhilfe aus Ostwestfalen-Lippe (OWL) griffen das Thema auf und informierten sich über die Situation bei ihnen vor Ort.
Rückmeldungen von Polizei und Kommunen bestätigten: Auch in der Region lebten Frauen unter Zwang in der Prostitution oder in ausbeuterischen Abhängigkeitsverhältnissen. Vertreterinnen des ostwestfälischen Initiativkreises suchten daraufhin den Austausch mit politischen Verantwortungsträger*innen und Behörden und erfuhren, dass es staatliche Förderung für die Gründung von Fachberatungsstellen gab. Nachdem Kirchenkreise und andere diakonische Träger die Übernahme der Verantwortung für diesen Arbeitsbereich abgelehnt hatten, fragten sie die EFHiW. Der Vorstand entschied sich sehr kurzfristig für die Übernahme des neuen Beratungsangebotes.

Der Weg zur Beratungsstelle NADESCHDA

Für die EFHiW bedeutete dies den Einstieg in ein neues Arbeitsfeld. So entstand 1997 in Herford die Beratungsstelle NADESCHDA. Sie richtet sich an Frauen in OWL, die von Menschenhandel betroffen sind, und verbindet psychosoziale Beratung mit rechtlicher Unterstützung und Alltagsbegleitung – etwa bei aufenthaltsrechtlichen Fragen oder in Strafverfahren.
Die Arbeit erfordert eine enge Zusammenarbeit mit Behörden, das bleibt von Spannungen geprägt. Die Interessen der betroffenen Frauen stehen nicht immer im Einklang mit staatlichen Verfahren.

Lernprozesse

Der Einstieg in dieses Arbeitsfeld machte sichtbar, wie lange Formen von Ausbeutung nicht ausreichend wahrgenommen worden waren – weder gesellschaftlich noch innerhalb kirchlicher Strukturen. Erst durch konkrete Hinweise wurde das Ausmaß erkannt.

Als die Beratungsstelle NADESCHDA immer bekannter wurde, nahm die Zahl der Frauen zu, die freiwillig in der Prostitution arbeiteten und sich trotzdem mit Beratungsbedarfen an NADESCHDA wandten. Es dauerte bis 2011, bis die Beratungsstelle THEODORA als Prostituiertenberatungsstelle für OWL eröffnet werden konnte. 2014 folgte die Gründung der Prostituiertenberatung TAMAR in Soest. Damit weitete die EFHiW ihre Perspektive aus und reagierte auf unterschiedliche Formen von Abhängigkeit und Ausbeutung.

Diese Entwicklung war auch mit einem Perspektivwechsel verbunden: Unterstützung kann nur gelingen, wenn Prostitution nicht tabuisiert wird, sondern als Teil gesellschaftlicher Realität anerkannt wird. Voraussetzung dafür sind niedrigschwellige Zugänge und eine Beratung, die Frauen unabhängig von ihrer jeweiligen Situation erreicht.

Herausforderungen bis heute

Bis heute bestehen zentrale Probleme: Der Zugang zu betroffenen Frauen ist oft schwierig, rechtliche Unsicherheiten – insbesondere im Aufenthaltsrecht – erschweren nachhaltige Unterstützung, und spezialisierte Beratungsangebote sind vielerorts unzureichend finanziert.
Auch für die EFHiW bleibt die Aufgabe, die eigene Rolle weiterzuentwickeln. Dazu gehört, Zugänge niedrigschwellig zu gestalten, politische Rahmenbedingungen kritisch zu begleiten und die eigene Praxis kontinuierlich zu reflektieren.

Das Engagement gegen Menschenhandel und für Frauen in der Sexarbeit ist damit kein abgeschlossener Meilenstein, sondern ein Arbeitsfeld, das die EFHiW bis heute fordert – fachlich, politisch und in ihrem Selbstverständnis als Anwältin von Frauen.

 

Vincenz Schmarsow