Ein Meilenstein der Sichtbarmachung: Feministische Theologien
Seit ihrer Gründung gehörten Bibelarbeit und gemeinsames Nachdenken über Glaubensfragen zum Selbstverständnis der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen (EFHiW).
In Frauenkreisen und Bibelstunden wurde die Bibel aus der eigenen Lebenswirklichkeit heraus gedeutet. Frauen brachten ihre Erfahrungen ein, stellten Fragen und suchten nach Orientierung – oft lange bevor dafür ein eigener theologischer Begriff existierte.
Bereits in den 1930er Jahren hatte die Theologin Maria Weigle Formen der Bibelarbeit entwickelt, die die Erfahrungen von Frauen ausdrücklich einbezogen und sie zur eigenständigen Auslegung befähigten.1
Diese Praxis bildete den Nährboden für das, was später als feministische Theologien bezeichnet wurde.2 Der Begriff selbst blieb innerhalb der EFHiW jedoch zunächst umstritten.
Erst in den 1980er Jahren wurden die vorhandenen Erfahrungen bewusst als Teil einer größeren theologischen Bewegung verstanden. Feministische Theologien machten sichtbar, wie stark biblische Auslegung und kirchliche Traditionen von männlichen Perspektiven geprägt waren.
Ein sichtbarer Ausdruck dieses veränderten Selbstverständnisses zeigte sich Anfang der 1980er Jahre in der Bildungsarbeit der EFHiW. Unter dem Leitgedanken „Frauen lesen die Bibel mit eigenen Augen“ wurde ein Ansatz aufgegriffen, der in vielen Gruppen bereits praktiziert wurde: Frauen sollten biblische Texte aus ihrer eigenen Lebenswirklichkeit heraus lesen und sich nicht allein auf vorgegebene Deutungen verlassen.
Für viele Frauen war dies keine neue Erkenntnis, sondern die bewusste Formulierung eigener Erfahrungen. Gleichzeitig blieb der Aufbruch nicht konfliktfrei. Die neuen Ansätze wurden kirchlich und auch innerhalb der EFHiW kritisch diskutiert.
Die Impulse feministischer Theologien wurden früh in strukturierte Bildungsangebote aufgenommen. Ein Beispiel ist das Fernstudium „Theologie geschlechterbewusst“, das in Westfalen durch die EFHiW ab 2004 in Kooperation mit kirchlichen Bildungsträgern durchgeführt wurde und sich an Menschen ohne theologisches Studium richtete.
Es verband grundlegende theologische Inhalte mit geschlechterbewussten Fragestellungen. Das Angebot endete in Westfalen im Jahr 2017, viele Ansätze wirken jedoch bis heute weiter.
Ein besonders sichtbares Beispiel war die Beteiligung an der „Bibel in gerechter Sprache“, deren erste Auflage 2006 im Jubiläumsjahr der EFHiW erschien. Neben der sozialen Gerechtigkeit und der Gerechtigkeit gegenüber dem Judentum bildete die Geschlechtergerechtigkeit das dritte wichtige Übersetzungsprinzip der „Bibel in gerechter Sprache“.
Die EFHiW unterstützte das Projekt auch finanziell, wodurch das Markus-Evangelium neu übersetzt werden konnte. Nach der Veröffentlichung wurde die Bibel intensiv diskutiert – auch innerhalb der EFHiW. Für einige eröffnete sie neue Zugänge, für andere stellte sie vertraute Lesarten infrage.
Die Auseinandersetzung mit feministischen Theologien hat die EFHiW nachhaltig geprägt. Sie stärkt Frauen als eigenständige theologische Stimmen und rückt Fragen von Gerechtigkeit, Sprache und Teilhabe stärker in den Mittelpunkt.
Vincenz Schmarsow
[1] Maria Weigle (1893–1979) war eine der ersten evangelischen Theologinnen in Deutschland und prägte die Bibelarbeit mit Frauen maßgeblich.
[2] Feministische Theologien bezeichnen unterschiedliche theologische Ansätze, die die Erfahrungen von Frauen in den Mittelpunkt stellen und traditionelle, oft männlich geprägte Auslegungen biblischer Texte kritisch hinterfragen.