Eröffnung Gewaltschutz-Zentrum in Soest | 27.02.2026
Stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Soest
Sehr geehrte Frau Reiche als Hausherrin der Evangelischen Frauenhilfe Soest,
sehr geehrte Frau Ministerin Schäffer,
sehr geehrte Frau Waldheuer,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Diakonie, Evangelischer Kirche von Westfalen, Landtag und Kreis Soest,
liebe Partnerinnen und Partner von TAMAR und der Frauenberatung Soest,
liebe Mitarbeitende der Frauenhilfe,
sehr geehrte Damen und Herren,
meine Tante Trude ist vor wenigen Jahren im Alter von fast 90 Jahren verstorben. Sie war zweimal verheiratet, hat vier Kinder großgezogen, lebte ihr ganzes Leben in Gelsenkirchen – und hat mit 85 noch einmal ihre Jugendliebe Karl wiedergefunden. Fünf Jahre voller Zuneigung, Nähe und Vertrauen.
Warum erzähle ich das?
Wenn ich Tante Trude und Karl nach Soest gefahren habe, bestand sie immer darauf, einen kleinen Umweg über den Feldmühlenweg zu machen. Sie hatte hier in der Evangelischen Frauenhilfe viele prägende Erinnerungen. Für sie war dieses Haus ein Ort von Gemeinschaft, Engagement und Zuversicht.
Dieses Haus steht für Geschichte.
Es steht für Engagement von Frauen für Frauen.
Und es steht für die Fähigkeit, sich immer wieder neu aufzustellen.
Tradition allein genügt nicht. Entscheidend ist, ob man den Mut hat, auf neue Herausforderungen zu antworten. Und genau das geschieht heute.
Mit der Eröffnung dieses Gewaltschutzzentrums setzt die Frauenhilfe Soest ein starkes Zeichen: Wir sehen hin. Wir handeln. Wir übernehmen Verantwortung.
Häusliche Gewalt ist kein neues Phänomen. Aber sie ist heute sichtbarer. Die Dunkelziffer bleibt hoch – doch wir akzeptieren nicht länger das Schweigen. Wir schaffen Schutzräume. Wir bauen Strukturen. Und wir machen klar: Gewalt ist kein privates Problem. Sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe.
Die Istanbul-Konvention verpflichtet uns, ausreichend Schutzplätze bereitzustellen. Für den Kreis Soest wurde ein Bedarf von 30 Plätzen ermittelt. Mit der Verdopplung von acht auf sechzehn Plätze erreichen wir mehr als die Hälfte dieses Bedarfs.
Das ist Fortschritt.
Aber es ist nicht das Ziel.
Jeder zusätzliche Platz bedeutet mehr als eine Zahl in einer Statistik.
Er bedeutet eine Frau, die nicht länger im Schatten der Angst leben muss. Er bedeutet ein Kind, das wieder Kind sein darf.
Er bedeutet einen Neuanfang.
Dieses Zentrum ist mehr als ein Gebäude.
Es ist barrierefrei.
Es ist offen für Frauen aller Nationalitäten, aller sozialen Hintergründe, für Frauen mit Behinderungen.
Es ist queer-freundlich.
Und mit der „Villa Kunterbunt“ entsteht ein Raum für Kinder – mit Spiel- und Bewegungsbereichen, Rückzugsorten und einer kindgerechten Umgebung. Schutz heißt hier nicht nur Unterbringung. Schutz heißt Würde. Schutz heißt Perspektive.
Gleichzeitig zeigt dieses Projekt Weitblick: Die Sanierung mit energieeffizienter Dämmung und Solaranlage, die Weiternutzung im Bestand mit begrünter Fassade statt eines Neubaus, der Gebrauch von vorhandenem guten Mobiliar – wo es möglich war - all das verbindet sozialen Schutz mit ökologischer Verantwortung. Auch das ist ein Statement: Sicherheit und Nachhaltigkeit gehören zusammen.
Soest beweist heute, dass eine Stadt Verantwortung nicht delegiert, sondern annimmt.
Es hat mich gefreut zur Kommunalwahl zu sehen, dass in den Wahlprogrammen aller demokratischen Parteien im Kreis der Wunsch nach einem zweiten Frauenhaus in Lippstadt verankert ist.
Doch ein Leuchtturm wie dieses Gewaltschutzzentrum erfüllt seine Aufgabe nur, wenn sein Licht dauerhaft brennt. Dieses Zentrum braucht Engagement. Es braucht politische Unterstützung. Es braucht Menschen, die hinschauen und nicht wegsehen.
Deshalb mein klarer Appell:
Unterstützen Sie dieses Zentrum – durch Ehrenamt, durch Spenden, durch politische Begleitung.
Sorgen Sie mit dafür, dass jede betroffene Frau weiß, wo sie Hilfe findet.
Und lassen Sie uns gemeinsam weiterarbeiten, damit wir die Lücke von 16 auf 30 Plätze schließen.
Ein Zuhause darf niemals ein Ort der Angst sein. Es muss ein Ort der Sicherheit sein.
Heute setzen wir in Soest ein sichtbares Zeichen dafür, dass wir diesen Anspruch ernst nehmen. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.
Vielen Dank an alle, die diesen Meilenstein möglich gemacht haben.
Und danke, dass Sie heute hier sind, um gemeinsam Verantwortung zu zeigen – für ein sicheres, gerechtes Soest.