„120 Jahre – das ist ein Grund zum Feiern.“ Mit diesen Worten begann ein Jubiläum, das weit mehr als einen Rückblick auf eine lange Verbandsgeschichte bot: Beim Festempfang am 15. Oktober 2026 in der Kapelle des Seminar-Zentrums in Soest wurde deutlich, wie sehr die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen bis heute Gesellschaft, Kirche und das Leben von Frauen mitgestaltet – beharrlich, solidarisch und mit dem Mut, immer wieder neue Wege zu gehen.
Glück- und Segenswünsche überbrachten per Videobotschaft NRW-Chancenministerin Verena Schäffer, Kirsten Schwenke und Christian Heine-Göttelmann vom Vorstand der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) sowie Präses Adelheid Ruck-Schröder von der Evangelischen Kirche von Westfalen. Vor Ort gratulierten Susanne Paul, stellvertretende Vorsitzende der Evangelischen Frauen in Deutschland, und Mona Kuntze aus dem Vorstand des Weltgebetstags der Frauen – Deutsches Komitee e. V.
Was die Frauenhilfe seit 120 Jahren auszeichnet, ist die Verbindung von bewährten Werten und der Bereitschaft zur Veränderung. Präses Adelheid Ruck-Schröder erinnerte an die sozialpolitisch bewegte Zeit der Gründung und würdigte die Kraft, mit der der Verband bis heute seine Arbeit fortsetzt. „Mich berührt, dass die Frauenhilfe von Beginn an eine große Bildungsbewegung war, von Frauen für Frauen“, betonte sie. Bildung, Teilhabe und Selbstbestimmung ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Frauenhilfe – und prägen ihren Auftrag bis in die Gegenwart.
Auch Susanne Paul hob hervor, wie sich der Verband immer wieder neu auf gesellschaftliche Herausforderungen eingestellt und „vielen gesellschaftspolitischen Entwicklungen getrotzt“ habe. Ob beim Kampf für Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen, in der Müttergenesung oder heute in der Arbeit des Frauenhauses, in der Anti-Gewalt-Arbeit und in der Beratung für Sexarbeitende: Die Frauenhilfe habe dort gehandelt, „wo sie Bedarf sahen“. Mit ihrer Vision „Leben in Fülle für alle Frauen“ setze sie sich für Geschlechtergerechtigkeit, Menschenwürde und Demokratie ein. Gerade in Zeiten, in denen Frauenrechte infrage gestellt und Minderheiten ausgegrenzt würden, brauche es diese starke Stimme.
Wie wichtig dieses Engagement heute ist, unterstrich auch Ministerin Verena Schäffer. Obwohl sie noch relativ neu im Amt sei, kenne und schätze sie die Arbeit der Frauenhilfe schon lange. „Mit immer wieder neuen Ideen und sehr viel Beharrlichkeit setzen sie sich für andere Menschen ein“, würdigte sie den Verband. Als Frau und Ministerin könne sie dafür nur danken. Besonders beeindrucke sie der Einsatz dafür, „Sicherheit und Selbstbestimmung für Frauen in Nordrhein-Westfalen zu stärken“.
Kirsten Schwenke und Christian Heine-Göttelmann von der Diakonie RWL bezeichneten die Frauenhilfe als Vorbild dafür, wie Gemeinschaft gestaltet, Solidarität gelebt und Hoffnung vermittelt werden könne. Seit ihrer Gründung habe sie Pionierarbeit geleistet und Frauen Wege zu mehr Unabhängigkeit und einem selbstbestimmten Leben eröffnet. Mit ihren vielfältigen Einrichtungen und Angeboten stehe sie weiterhin an der Seite von Frauen, die Schutz, Unterstützung und neue Perspektiven benötigen. Angesichts struktureller Benachteiligung und zunehmender Gewalt gegen Frauen bleibe diese Arbeit unverzichtbar. Dabei verbinde die Frauenhilfe ihre Überzeugung von der gleichen Würde aller Menschen mit zeitgemäßen Angeboten und gesellschaftlicher Verantwortung.
Auch Mona Kuntze vom Vorstand des Weltgebetstages der Frauen betonte die enge Verbindung beider Organisationen. Sie seien durch ihre langjährige Zusammenarbeit in der Bildungsarbeit und bei der Vorbereitung des Weltgebetstags ebenso verbunden wie durch den gemeinsamen Glauben und das Engagement für eine Welt, in der Frauen und Mädchen in Frieden, Gerechtigkeit und Würde leben können. Zugleich stünden beide vor der Aufgabe, ihre Angebote unter veränderten gesellschaftlichen und finanziellen Bedingungen zukunftsfähig zu gestalten. Dafür brauche es „Mut, Fragen zu stellen, Bestehendes neu zu denken, Veränderungen zu wagen“ – und Gottes Segen.
So wurde bei den Glückwünschen immer wieder deutlich: Das Jubiläum feiert nicht allein 120 vergangene Jahre, sondern vor allem das, was Menschen gemeinsam geschaffen haben und in Zukunft weitertragen wollen. Die Geschichte der Frauenhilfe ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie ist Auftrag und Ansporn zugleich, Frauen zu stärken, Solidarität zu leben und gesellschaftliche Veränderungen aktiv mitzugestalten.
Oder, um es mit dem Leitgedanken der Frauenhilfe seit 2006 zu sagen: „Leben in Fülle für alle Menschen, insbesondere Frauen“ ist kein Jubiläumsmotto für einen Festtag. Es ist ein Versprechen, das auch nach 120 Jahren Zukunft braucht – und Menschen, die es mit Leben füllen.


