Es reicht! Soest fordert Schutz statt Wegsehen

Eine Frau, die Gewalt erlebt, braucht Schutz – unabhängig davon, ob sie eine eigene Woh-nung hat. Bei einer Kundgebung in Soest wurde deutlich, warum Gewaltschutz, sichere Unterkünfte und bezahlbarer Wohnraum zusammengehören.
Am 12. Oktober 2026 haben rund 300 Menschen in Soest gegen Gewalt an Frauen de-monstriert und auf dem Marktplatz Solidarität mit einer betroffenen Frau gezeigt. Der An-lass: Vor dem Landgericht Arnsberg begann an diesem Tag der Prozess gegen vier Ange-klagte. Ihnen wird vorgeworfen, eine wohnungslose Frau aus Soest über Monate gefangen gehalten, misshandelt und vergewaltigt zu haben. Demonstration und Kundgebung wurde gemeinsam von Sarah Gonschorek und dem Frauennetzwerk Soest veranstaltet.

Pfarrerin Birgit Reiche, Geschäftsführerin der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen (EF-HiW), machte in ihrer Rede bei der Kundgebung deutlich, wie eng Gewalt und Wohnungs-losigkeit miteinander verbunden sind. Frauen können durch häusliche Gewalt ihre Wohnung verlieren. Wer wohnungslos ist und bei anderen unterkommen muss, ist zugleich oft be-sonders abhängig und gefährdet. „Gewalt macht wohnungslos, und Wohnungslosigkeit macht schutzloser vor Gewalt. Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen.“

Schutz muss für alle Frauen erreichbar sein
Das bestehende Hilfesystem ist nach Einschätzung der EFHiW nicht ausreichend auf die Bedürfnisse aller gewaltbetroffenen Frauen eingestellt. Insbesondere wohnungslose Frauen stoßen auf Hürden: Es fehlen geeignete Schutzplätze, anonyme Unterkünfte und nied-rigschwellige Beratungsangebote. Hinzu kommt der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, der den Weg in ein selbstbestimmtes Leben erschwert.
Die EFHiW unterstützt deshalb Forderungen nach einer systematischen Erhebung fehlen-der Schutzplätze, spezialisierten Unterkünften für wohnungslose Frauen sowie einer flä-chendeckenden und dauerhaft finanzierten Beratung. Frauen müssen auch nach einem Frauenhausaufenthalt eine sichere Wohnung finden können.
Der gesetzliche Anspruch auf Schutz und Beratung durch das Gewalthilfegesetz greift erst ab 2032. Für Frauen, die heute Schutz brauchen, ist das zu spät.

Was jede und jeder tun kann
Gewaltschutz ist nicht allein Aufgabe von Politik und Beratungsstellen. Die Kundgebung richtete deshalb auch einen Appell an die Gesellschaft: hinsehen, wenn Frauen gefährdet sind, abwertenden Äußerungen widersprechen und wohnungslosen Frauen mit Respekt begegnen.
Hilfe und Beratung bietet das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116016. Es ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Auch die Frauenberatung vor Ort ist eine Anlaufstelle.
Die Botschaft aus Soest machten alle Rednerinnen klar: Keine Frau darf aufgrund ihrer sozialen Situation vom Schutz vor Gewalt ausgeschlossen werden.