10 Jahre TAMAR Südwestfalen

10 Jahre TAMAR – Beratungsstelle für Prostituierte in Südwestfalen
10 Jahre TAMAR – Beratungsstelle für Prostituierte in Südwestfalen
10 Jahre TAMAR – Beratungsstelle für Prostituierte in Südwestfalen

01.10.2024

Runder Geburtstag der Prostituierten-Beratung

Seit zehn Jahren bietet TAMAR Beratung für Prostituierte. Über 3.150 Frauen erreichte TAMAR in der Region Südwestfalen seit der Gründung in 2014. Die Themen der Frauen waren und sind sehr vielfältig: Da geht es mal um Unterstützung bei Behördengängen, mal um die Beratung bei der Entwicklung einer anderen Berufsperspektive oder auch um akute Krisen.

Anlässlich dieser vollen zehn Jahre begrüßte die Trägerin, die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. (EFHiW), über 50 Gäste zur Geburtstagsfeier am 01. Oktober.

Glückwünsche überbrachten Erika Denker, ehemaliges Vorstandsmitglied der EFHiW, Andrea Hitzke, Sprecherin der „Initiative Respekt und Schutz für Sexarbeitende“ und Darryl Welz für das „Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter (bufas) e.V. „Eine gute Beratung im ländlichen Raum zu erhalten, ist für viele Sexarbeiter*innen in Deutschland nicht sehr leicht“, betonte Welz die Besonderheit von TAMAR. „Damit ist TAMAR sicher auch ein Vorbild für viele andere Regionen in Deutschland.“

Auch die frauenpolitischen Sprecherinnen der Landtags-Fraktionen würdigten die herausfordernden zehn Jahre. İlayda Bostancıeri (Bündnis 90/Die Grünen) freute sich über die klare Haltung der Trägerin: „Sie positionieren sich bewusst und öffentlich an der Seite von Sexarbeiter*innen.“ Anja Butschkau (SPD) und Franziska Müller-Rech (FDP) grüßten per Video. Tamara Degenhardt für die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Recht/Prostitution NRW lobte die starke Vernetzung der Beratungsstelle. Oliver Pöpsel, stellvertretender Landrat des Kreises Soest, konnte weitere finanzielle Unterstützung zusichern.

Drei verschiedene Perspektiven auf Sexarbeit wurden im Rahmen des folgenden Fachtags in hervorragenden Vorträgen deutlich. Schließlich wurde mit einem prickelnden Getränk angestoßen – auf zehn Jahre TAMAR und auf zehn Jahre Selbstbestimmung für Frauen in der Sexarbeit.

Weitere Informationen finden Sie hier: www.tamar-hilfe.de

Andacht, Grußworte, Fachtag und Fotogalerie

Die Andacht der Leitenden Pfarrerin, die Grußworte der Gäste, die Vorträge des Fachtags sowie die Fotogalerie der Feier finden Sie hier:

Pfarrerin Birgit Reiche

Andacht der Leitenden Pfarrerin Birgit Reiche

Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Männer und Frauen,

wir freuen uns, dass Sie der Einladung zum Fachtag aus Anlass des 10jährigen Bestehens der Beratungsstelle Tamar gefolgt sind.
Mein Name ist Birgit Reiche und ich bin Leitende Pfarrerin und Geschäftsführerin der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V. Bevor ich diese Position eingenommen habe, habe ich 20 Jahre lang die Arbeit für Betroffene des Menschenhandels und Prostituierte der Frauenhilfe aufgebaut und geleitet.

Genau vor 10 Jahren haben wir dank einer Förderung von Aktion Mensch die Arbeit in Südwestfalen aufgenommen. Sabine Reeh-Bender war von Anfang an dabei. Noch vor Einführung des Prostituiertenschutzgesetzes hat sie sich mit ihrer damaligen Kollegin an die Arbeit und auf den Weg in Südwestfalen gemacht. Wir könnten uns jetzt hinsetzen und Anekdoten erzählen und wären heute Abend noch nicht fertig…
Das tun wir aber nicht. Doch will ich auch am heutigen Tag nicht verschweigen, dass der Kampf um die Finanzierung dieser wichtigen Arbeit uns viel Kraft und so manche schlaflose Nacht gekostet hat. Etliche meiner grauen Haare verdanken sich der Sorgen um den Fortbestand dieses wichtigen Arbeitsbereiches der Frauenhilfe.

Bevor wir uns gleich in den Grußworten anhören, was andere zu unserer Arbeit und ihren politischen Implikationen zu sagen haben, lassen Sie uns zur Ruhe kommen und miteinander Andacht halten.

Wir tun das im Namen Gottes,
Gott ist der Grund unseres Lebens.
Jesus Christus lädt alle Menschen in das Reich Gottes ein.
Gottes Geist stärkt Liebe und Gerechtigkeit unter uns. Amen.

„Mache den Raum deines Zeltes weit,
breite die Zeltplanen deiner Wohnung aus, spare nicht!
Mach deine Zeltseile lang, ramme deine Zeltpflöcke fest!“

Ich möchte mit Ihnen nachdenken über diesen Vers aus dem Jesaja-Buch im 54. Kapitel. Der Teil des Jesaja-Buches, aus dem dieser Text stammt, ist im 6. vorchristlichen Jahrhundert entstanden. Er stammt von Deutoro-Jesaja oder dem zweiten Jesaja, wie dieser Prophet oder die Prophetengruppe genannt wird, die diese Texte geschrieben haben. Der Text richtet sich an die Teile der israelitischen Bevölkerung, die ab 597 v.Chr. nach Babylonien verschleppt worden sind. Es waren vor allem Menschen der Oberschicht, die in Babylon allerdings nicht versklavt waren, aber in der Fremde den Kontakt zu ihrem Glauben zu verlieren drohten.

Dieses Volk wird nun durch den prophetischen Text von Gott angesprochen:
Jubele, du Unfruchtbare, die nicht geboren hat! Brich in Jubel aus und jauchze, die du nicht schwanger warst! Denn zahlreicher sind die Kinder der Verwüsteten als die der Ehefrau, spricht Gott.

Mache den Raum deines Zeltes weit,
breite die Zeltplanen deiner Wohnung aus, spare nicht!
Mach deine Zeltseile lang, ramme deine Zeltpflöcke fest!

Der Text beginnt mit einer Aufforderung zum Jubel und zur Freude: Juble! Freue dich und jauchze! Es ist Freude in schwieriger Zeit. So wie auch unsere Freude über das Jubiläum der Beratungsstelle eine Freude in schwieriger Zeit ist.
Damals ging es um Fragen der religiösen und ethnischen Identität in einem fremden Land:
Ist Gott noch da? Hat er Macht, oder sind wir anderen Mächten – den babylonischen Göttern und Herrschern – ausgeliefert? Kann Gott eingreifen? Und wenn ja – will er es überhaupt? Kümmert ihn unser Schicksal, oder ist ihm unser Ergehen gleichgültig? Gefühle der Verlassenheit und des Preisgegeben-Seins kommen hoch.
Diese Gefühle werden mit dem Bild der unfruchtbaren Frau ausgedrückt, die aber ihr Schicksal nicht bejammern soll, sondern zum Jubel aufgefordert wird. Durch Gott selbst wird ihr eine große Zukunft verheißen, eine reiche Nachkommenschaft, für die der Raum des Zeltes erweitert werden soll.

Unsere Jubiläumsfeier bedeutet ebenfalls Freude in schwieriger Zeit: Haben wir nicht genug Probleme nach Corona, mit der Klima-Katastrophe, dem Krieg im Nahen Osten, der zu einem Flächenbrand zu werden droht, dem Ukraine-Krieg mit allen wirtschaftlichen Auswirkungen und den gesellschaftlichen Verwerfungen bei uns, die sich in erschreckenden Wahlergebnissen spiegeln? Muss sich diese Gesellschaft nicht um wichtigeres kümmern? Es gibt bei uns so viele Beratungsstellen. Müssen es dann auch noch spezielle Angebote für Prostituierte sein?
Kann unser Glauben helfen, diese oftmals schwierige Arbeit zu tun?

Die Unfruchtbare wird hier als gebrochene Existenz dargestellt, als „Verwüstete“ – oder Vereinsamte, Verwaiste, Einsame, Verlassene, wie andere Bibeln übersetzen.

Das ist die Lebenserfahrung auch vieler der Frauen, die durch die Beratungsstelle Tamar in den vergangenen 10 Jahren Unterstützung erhalten haben. Dabei machte es nur graduelle Unterschiede der persönlichen Leiden, ob die Frauen wirklich kinderlos waren, die Kinder in der Heimat zurückgelassen hatten oder ungewollt schwanger waren…

Wenn sie in die Beratung kamen und kommen, sind viele von ihnen in existenzieller Not: Sie sind häufig von ihren Lebenswegen schwer gezeichnet. Sie leiden unter der Trennung von ihren Kindern, die sie in der Heimat zurückgelassen haben. Sie leiden unter der Stigmatisierung, die sie erfahren, wenn ihre Tätigkeit oder ihr Beruf bekannt werden. Sie leiden unter auswegloser Armut, fehlenden Bildungschancen und Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat.

Jubele, du Unfruchtbare, die nicht geboren hat! Brich in Jubel aus und jauchze, die du nicht schwanger warst! Denn zahlreicher sind die Kinder der Verwüsteten als die der Ehefrau, spricht Gott.

In biblischer Zeit war Kinderreichtum die einzige Lebensversicherung für Frauen. Gott verheißt hier Wohlergehen gegen allen Anschein und Freude und Jubel statt Trauer und Tränen an den Flüssen von Babylon.

Und auch das haben Sie erlebt in Ihrer langjährigen Tätigkeit, liebe Mitarbeiterinnen von Tamar:

Frauen, an deren erfolgreichen Lebensgeschichten Sie inzwischen manchmal auch Jahre lang Anteil nehmen konnten, weil sie sich von Zeit zu Zeit bei Ihnen melden.
Frauen, die überglücklich sind, weil der Nachzug der Kinder aus der Heimat gelungen ist und sie ihnen hier eine hoffentlich sichere Zukunft bieten können.
Frauen, die für sich in oder außerhalb der Sexarbeit eine gute Perspektive sehen.

Die Freude, der Jubel, das Jauchzen der Frauen, die Erfolge in der Begleitung, der positive Abschluss von Beratungsprozessen – das alles sind für Sie Anreize, diese schwierige Arbeit auch nach Jahren weiter zu leisten.

Wir haben im übertragenen Sinne getan, wozu der prophetische Text die Exilierten in Babylon auffordert:
„Mache den Raum deines Zeltes weit,
breite die Zeltplanen deiner Wohnung aus, spare nicht!
Mach deine Zeltseile lang, ramme deine Zeltpflöcke fest!“

Wir haben seit 10 Jahren unsere Zelte in Südwestfalen und dann auch im Münsterland weit gemacht. Seit den Anfängen der Beratungsarbeit von Tamar haben wir mehr Boden gefasst. Zum Beratungsbulli ist mit der Ausdehnung ins Münsterland ein PKW dazu gekommen, doch aufgrund der fehlenden Finanzierung mussten wir den Stellenumfang von vier auf zwei und dann wieder auf drei Stellen verändern.
Das Bibelwort sagt zwar: Spare nicht! Wir waren aber aufgrund der unsicheren und knappen Fördersituation immer gezwungen zu sparen und wussten in so manchem November nicht, wen wir im Januar weiter beschäftigen konnten.
Womit wir die ganze Zeit nicht gespart haben, das ist die Vernetzung. Wir haben – um in der Sprache des biblischen Textes zu bleiben – unsere Zeltseile langgemacht. Die Gästeliste des heutigen Tages zeigt, wie erfolgreich unsere langjährige Vernetzungsarbeit in die Beratungsinfrastruktur in Südwestfalen und das Münsterland hinein, in Behörden und Politik, in die landes- und bundesweiten Fachverbände und –Gruppen wirkt. Allein, ohne vertrauensvolle Zusammenarbeit aber auch manche konstruktive Auseinandersetzung, können wir unsere Arbeit zum Wohl der Klientinnen nicht leisten. Es braucht dieses starke Netzwerk, um gemeinsam an einer Verbesserung ihrer rechtlichen Situation und Lebensperspektive zu arbeiten – allen Widerständen zum Trotz!
Und ich hoffe, dass wir unsere Zeltpflöcke fest eingerammt haben! Ich hoffe, dass die kommunalen Förderungen für Tamar sicher bleiben und dass das regelmäßige Bangen um den Fortbestand endlich ein Ende hat. Wir haben unsere politischen Forderungen zur Anerkennung von Sexarbeit vor jeder Wahl ins Gespräch gebracht, wir haben Politiker*innen unsere Arbeit vorgestellt, wir haben notwendige Spenden und kirchliche Kollekten eingeworben.
Dafür sind wir dankbar, darauf sind wir aber auch ein bisschen stolz!

10 Jahre sind eine lange Zeit, in der wir viel erlebt und viel erreicht haben.

Ich bin überzeugt, dass uns der lange Atem nicht erhalten geblieben wäre, ohne das fürbittende Gebet unserer Mitgliedsfrauen, ohne ihre finanzielle und tatkräftige Unterstützung, insbesondere durch die Bezirksvorstände der Siegerländer Frauenhilfen und des Bezirksverbandes Münster und ohne den begleitenden Segen Gottes, der uns immer wieder Kraft gab, weiter zu machen.

„Mache den Raum deines Zeltes weit,
breite die Zeltplanen deiner Wohnung aus, spare nicht!
Mach deine Zeltseile lang, ramme deine Zeltpflöcke fest!“

Der Textabschnitt endet mit der Zusage Gottes, die weit über den heutigen Tag hinausweist und die uns Kraft und Zuversicht geben will, für alles, was wir im Raum unseres Zeltes noch erleben werden:
Denn Berge mögen wohl weichen und Hügel wanken,
aber meine Treue wird nicht von dir weichen und mein Friedensbund nicht wanken, spricht Gott voll tiefer Liebe. Amen.

Gebet

Lasst uns beten:
Gott aller Zeiten,
du weißt um unsere Sehnsucht
nach der Fülle des Lebens für alle Menschen.
In dir ist die Liebe, die uns umgibt und ewig umgeben wird.
In dir ist die Hoffnung, die uns aus der Gebrochenheit zur Ganzheit führt.
In dir ist der Friede, für den wir einstehen und um den wir beten.
Erfülle uns mit deiner Liebe, deiner Hoffnung, und deinem Frieden, damit dein Reich der Gerechtigkeit immer mehr Wirklichkeit werde. Amen

Erika Denker

Grußwort von Erika Denker

Ehemaliges Vorstandsmitglied und ehemalige Vorsitzende des Bezirksverbandes der Siegerländer Frauenhilfen

Erinnern Sie sich? „Wir geben die Hoffnung nicht auf und feiern trotzdem das fünfjährige Bestehen der Beratungsstelle TAMAR Südwestfalen“, so stand es in der Einladung zum 5. Geburtstag. Wie gut, dass wir, dass Sie und alle Beteiligten die Hoffnung nicht aufgegeben haben. Wir halten an dieser Hoffnung fest, darum freue ich mich, mit Ihnen diesen 10. Geburtstag mit einem Fachtag zu feiern.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Mitarbeiterinnen,

die Vorsitzende der Ev. Frauenhilfe in Westfalen, Angelika Waldheuer, bat mich, in ihrem Auftrag herzliche Grüße des Vorstandes auszurichten. – Sie ist leider heute verhindert, aber in Gedanken dabei. Ebenso bringe ich herzliche Grüße von Vorstand des Bezirksverbandes der Siegerländer Frauenhilfen mit.

Am 01. Oktober 2014 nahm die Beratungsstelle TAMAR Südwestfalen ihre Arbeit auf.
– Ich erinnere mich noch gut an die vielen Schritte, die vorausgingen. Wie kam es dazu?

Die langjährige Erfahrung der Evangelischen Frauenhilfe in den Beratungsstellen NADESCHDA und THEODORA in Ostwestfalen ließ vermuten, dass auch in Südwestfalen ein ähnlicher Beratungsbedarf für Frauen, die in der Prostitution arbeiten, besteht. Da lag es nahe, genauer hinzusehen und Zahlen zu ermitteln. Die Recherche zeigte schnell einen weißen Fleck bzgl. qualifizierter Beratung. Dringender Handlungsbedarf in Südwestfalen wurde deutlich. Mit einer überzeugenden Konzeption konnte Frau Reiche die Bewilligung für eine 3jährige Förderung durch „Aktion Mensch“ erreichen, so dass die Grundlage für den konkreten Aufbau einer Prostituierten- und Ausstiegsberatungsstelle gegeben war.
Im Juni 2014 fanden eine erste Pressekonferenz und ein Fachgespräch in Siegen statt. „Von der Dorfschänke zum Sexclub, Prostitution und Menschenhandel im ländlichen Raum“, so der Titel. Die Veranstaltung erfuhr großen Zuspruch in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit.

Zur Unterstützung bildete sich schnell ein „Regionaler AK Prostitution“ mit Vertreterinnen aus örtlichen Frauenvereinen, Verbänden und Institutionen. Dank dieser geballten Frauenpower konnte in der Bevölkerung und vor allem in kommunalen Gremien das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Prostituiertenberatung im ländlichen Raum geweckt werden.

Viele Spenden ermöglichten die Anschaffung eines Beratungsbusses und – ganz entscheidend: Die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen stellte zwei kompetente Mitarbeiterinnen Sabine Reeh-Bender und Barbara Batzik, später Jolante Schmidt ein.

Seit Oktober 2014 haben über 3.150 Frauen in der Region Südwestfalen das Angebot der qualifizierten Beratung der Mitarbeiterinnen genutzt.
Dahinter stehen 3.150 individuelle Lebensgeschichten, – einen kleinen Einblick erhalten wir durch die regelmäßigen und beeindruckenden Jahresberichte. Dort lesen Sie auch über die unterschiedlichen Kooperationen und Kostenbeteiligungen im Anschluss an die Förderung durch Aktion Mensch.

Es stecken unzählige Stunden Arbeit in der fortlaufenden Mittel-Akquise, dafür ganz herzlichen Dank an Frau Reiche und alle beteiligten Mitarbeiterinnen. Zur Weiterführung des Angebotes entschied sich die Frauenhilfe zwischenzeitlich eine 6-monatige Finanzierungslücke aushalten. Derzeit finanzieren die Kommunen des Beratungsgebietes zu 90% die zwei Personalstellen, Honorarkräfte und Sachkosten. 10% der Mittel kommen weiterhin aus dem Etat der Trägerin, die weiter auf Spenden angewiesen ist.

Für mich ist die Beratungsstelle TAMAR ein wunderbares Beispiel, was gemeinsam bewirkt werden kann, wenn viele Menschen an unterschiedlichen Orten am gleichen Ziel arbeiten.
Ziel von TAMAR ist es, Sexarbeitende zu unterstützen, ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben in Sicherheit zu führen. Dazu gehört auch die Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution und bei der Entwicklung einer neuen Berufsperspektive.

Im Auftrag und im Namen des Vorstandes danke ich Ihnen allen für Ihr Engagement und Ihre Verbundenheit mit der Beratungsstelle TAMAR. Ich wiederhole meine Bitte vom fünften Geburtstag: Lassen Sie uns festhalten an der Hoffnung und an dem Engagement, dass es mit dieser wertvollen Arbeit auch auf Dauer weitergehen wird.

Vielen Dank.

Andrea Hitzke

Grußwort von Andrea Hitzke

Leiterin der Dortmunder Mitternachtsmission e.V., 2. Sprecherin Initiative Respekt und Schutz von Sexarbeitenden

Liebe Birgit Reiche, liebes Tamar-Team,
liebe Gäste,

ich bin Andrea Hitzke und leite die Dortmunder Mitternachtsmission, eine Fachberatungsstelle für Sexarbeitende mit dem Schwerpunkt der aufsuchenden Sozialarbeit und spezialisierte Fachberatungsstelle für Betroffene des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und Zwangsprostitution in Dortmund, wo ich seit 1988 arbeite. Zwischen der Evangelischen Frauenhilfe von Westfalen besteht schon eine sehr lange Verbindung und eine gute Kooperation bereits mit den Beratungsstellen Nadeschda und Theodora.

Ich erinnere mich noch gut an den Einsatz von Birgit Reiche, finanzielle Mittel für die neue Beratungsstelle Tamar einzuwerben. Das war nicht leicht. Daher übermittele ich erstmal beste Grüße und Wünsche aus Dortmund von der Mitternachtsmission zu dem 10Jährigen Jubiläum von Tamar. Ich weiß, wie anspruchsvoll die aufsuchende Arbeit in diesem Arbeitsfeld an sich ist. Daher liebe Kolleginnen, Respekt für Eure Arbeit zunächst in Südwestfalen und dann auch noch im Münsterland! Das ist bestimmt nicht leicht.

Eigentlich wurde ich ja für ein Grußwort eingeladen als eine der Sprecherinnen der Initiative Respekt und Schutz für Sexarbeitende, deren Mitglieder z.B. der Deutsche Juristinnenbund, die Diakonie Deutschland, die Deutsche Aidshilfe und der Deutsche Frauenrat sind. Und natürlich gehört auch die Evangelischen Frauenhilfe von Westfalen mit Tamar dazu. Denn auch Tamar leistet nicht „nur“ Beratungs- und Unterstützungsarbeit für Sexarbeiterinnen. Sie setzen sich auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene für die Rechte und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen der Sexarbeitenden und gegen die Kriminalisierung der Sexarbeit ein. Das funktioniert nicht alleine, sondern dafür sind Netzwerke notwendig, bei denen Ihr mitarbeitet – Runde Tische, LAG Recht, Bufas und eben die Initiative. Gemeinsam haben wir eine starke Stimme.
Auch von Seiten der Initiative übermittele ich die besten Wünsche zu 10 Jahren Tamar, dass Ihr auch in den nächsten 10 Jahren reichlich auch finanzielle Unterstützung erhaltet, und wir dann 20 Jahre Tamar feiern können.

Vielen Dank und alles Gute!

Darryl Welz

Grußwort von Darryl Welz

Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter

Liebes Team von TAMAR,
Liebe Gäste,
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute für das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, dem bufaS, anlässlich des 10-Jährigen Jubiläums der Beratungsstelle TAMAR ein kurzes Grußwort halten zu dürfen.

Zehn Jahre berät, begleitet und unterstützt TAMAR Frauen in der Sexarbeit, egal ob diese einen anderen Beruf wählen oder ob sie weiter in der Sexarbeit tätig sein wollen. Diese Offenheit und Zu Gewandtheit für die Lebenswelten ihrer Klientinnen sind die Schlüssel für die effektiven Hilfen, die täglich in der Fachberatungsstelle oder der aufsuchenden Arbeit geleistet werden.

TAMAR ist bei diesen Aufgaben mit anderen Herausforderungen konfrontiert, als viele andere Fachberatungsstellen in großen Städten:
Das Einzugsgebiet von TAMAR ist besonders der ländliche Raum in Südwestfalen und im Münsterland sowie die Stadt Hamm. Eine gute Beratung im ländlichen Raum zu erhalten, ist für viele Sexarbeiter*innen in Deutschland nicht sehr leicht, da das Thema Sexarbeit häufig in Städten verortet wird. Vom Kreis Borken bis nach Siegen-Wittgenstein sind die Mitarbeiterinnen von TAMAR als Ansprechpartner unterwegs. Damit sind sie sicher auch ein Vorbild für viele andere Regionen in Deutschland. Sexarbeiterinnen zu erreichen wird nicht nur durch die räumliche Ausdehnung ihrer Arbeit erschwert, im ländlichen Raum ist sie auch häufig verdeckter. Im ländlichen Raum muss die Gesellschaft anders für das Thema Sexarbeit sensibilisiert werden, als Fachberatungsstellen in großen Städten dies machen können.

Diese Lobbyarbeit, für ihre Zielgruppe einzustehen und ihre Interessen zu vertreten wird von den Mitarbeiterinnen erfolgreich angegangen. Sei es in der Landesarbeitsgemeinschaft Recht, wo sie sich mit anderen Fachberatungsstellen und Mitarbeiter*innen von Gesundheitsämtern treffen, in der Initiative Schutz und Respekt für Sexarbeiter*innen oder bei uns im bufaS, in dem Sabine lange Vorstand war und die Interessen ihrer Klientinnen vor vielen Gremien vertreten konnte.
Wir, der Vorstand vom bufaS, möchten euch für eure unermüdliche Arbeit in den letzten zehn Jahren danken und freuen uns auf das, was ihr in den nächsten Jahren noch erreichen werdet.

Vielen Dank.

İlayda Bostancıeri

Grußworte der frauenpolitischen Sprecherinnen der Landtagsfraktionen in NRW

İlayda Bostancıeri

Frauenpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

Liebe Vorstandsmitglieder der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen,
liebe Pfarrerin Birgit Reiche,
liebe Anne Heckel,
liebe Sabine Reeh-Bender und liebe Jolanta Schmidt,
liebe Erika Denker,
liebe Ehren- und Podiumsgästinnen,
liebe Kolleg*innen aus der Politik,
ein herzliches Willkommen Ihnen allen,

ich bedanke mich herzlich für die Einladung anlässlich des 10-jährigen Bestehens von TAMAR ein Grußwort halten zu dürfen.

Gerne gratuliere ich zu diesem Jubiläum allen, die die Beratungsstelle gegründet und entwickelt haben und ihre Arbeit bis heute sicherstellen. Gleichzeitig möchte ich allen Beteiligten einen großen Dank für ihr persönliches Engagement aussprechen, das gilt insbesondere den Beraterinnen, deren Tätigkeit im Leben vieler Frauen einen Unterschied macht.

Bitte seien Sie heute stolz auf Ihren Verdienst.

Eine Prostituierten- und Ausstiegsberatung in Trägerschaft eines kirchlich geprägten Vereins und einer breit aufgestellten kommunalen Finanzierung ist eine Besonderheit, ja ein Glücksfall. Denn Sie, so unterschiedlich Ihre Funktionen und Rollen sind, bekennen sich zu dem Anspruch, Sexarbeiter*innen ein gesundes und selbstbestimmtes Leben in Sicherheit und ohne finanzielle und emotionale Abhängigkeiten zu ermöglichen. Sie positionieren sich bewusst und öffentlich an der Seite von Sexarbeiter*innen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und braucht eine klare Überzeugung und Haltung.

Sexarbeit ist Realität im Leben von Menschen, individuell und gesellschaftlich, daher verdient sie unsere Aufmerksamkeit und aktive Auseinandersetzung. In der aktuellen, oft hoch emotional geführten Debatte um das sogenannte „nordische Modell“ noch einmal besonders. Dabei muss die Perspektive der Frauen in der Sexarbeit immer im Zentrum stehen und jedes einzelne Schicksal bzw. jeder einzelne Lebensweg muss individuell betrachtet werden.

Wir müssen einen Umgang mit Sexarbeit finden, mit dem wir allen diesen Frauen gerecht werden können: solchen, die Schutz und einen Ausweg suchen genauso wie solchen, die ihre Tätigkeit selbstbestimmt gewählt haben und Akzeptanz verdienen. Es ist unsere Aufgabe, uns dieser Debatte zu stellen und die Bedingungen für Sexarbeiter*innen und Frauen und allen, die aussteigen möchten, zu verbessern.

Die heutige Veranstaltung ist Ausdruck davon, wie unsere Gesellschaft respektvoll und multiperspektivisch, jenseits von Tabuisierung und moralischen Zeigefingern, den Austausch sucht und gute Bedingungen schaffen will. Ich bin sicher, dass wir gemeinsam ein gutes Beispiel für unsere Demokratie abgeben und einen wertvollen Beitrag sowohl fachlich als auch für die Debattenkultur in unserem Land leisten.

Ich wünsche uns allen eine schöne Feier und einen regen Austausch.
Herzliche Grüße.

Anja Butschkau, SPD

Videogruß von Anja Butschkau, SPD
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Franziska Müller-Rech, FDP

Videogruß von Franziska Müller-Rech, FDP
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Oliver Pöpsel

Grußwort von Oliver Pöpsel

Stellvertretender Landrat des Kreises Soest

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte Frau Leitende Pfarrerin Reiche,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes,
sehr geehrte Frau Heckel,
sehr geehrte Frau Denker,
sehr geehrte Frau Reeh-Bender und sehr geehrte Frau Schmidt,
sehr geehrte Referentinnen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Gäste,

als vor zehn Jahren die Prostituierten- und Ausstiegsberatung TAMAR ins Leben gerufen wurde, hob der damalige stellvertretende Landrat Günter Fiedler die immense Bedeutung dieser neuen Anlaufstelle hervor: Es gehe darum, Frauen, die der Sexarbeit nachgehen, zu unterstützen, ein selbstbestimmtes, gesundes, angstfreies und eigenverantwortliches Leben zu führen – ohne finanzielle und emotionale Abhängigkeiten. Dabei betonte er, wie herausfordernd diese Aufgabe sei, und er sprach der Arbeit von TAMAR Respekt und Anerkennung aus. Auch heute, zehn Jahre später, sind diese Worte unverändert richtig. Es ist mir daher eine große Freude, Ihnen heute zum zehnjährigen Bestehen zu gratulieren und Ihnen die besten Wünsche von unserer Landrätin Eva Irrgang, dem Kreistag sowie der Verwaltung zu überbringen.

Die enge Zusammenarbeit der Kreisverwaltung mit TAMAR ist für uns von großer Bedeutung: Sie leisten nicht nur Unterstützung bei Behördengängen, sei es bei der ordnungsrechtlichen Anmeldung der Prostituiertenarbeit oder bei der gesundheitlichen Beratung durch das Gesundheitsamt. Vielmehr tragen Sie maßgeblich dazu bei, den Betroffenen die Ängste vor diesen Formalitäten zu nehmen. Und dies ist nur ein Teil Ihrer umfangreichen Arbeit!

Seit nunmehr einem Jahrzehnt begleiten und unterstützen Sie Frauen, die in Clubs, Bars, Appartements, Wohnwagen, Kneipen oder auf der Straße sexuelle Dienstleistungen anbieten. Sie arbeiten mobil aufsuchend und schaffen durch Ihre Präsenz vor Ort direkte Zugänge zu den Menschen in der Sexarbeit. Sie bauen Vertrauen auf und unterstützen individuell.

Das im Jahr 2017 in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz hat die rechtliche Lage der Prostitution zwar klarer geregelt, dennoch bleiben Beratungsstellen wie TAMAR unersetzlich.

Sexarbeit ist eine gesellschaftliche Realität in Deutschland. Sie ist Arbeit. Eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen kann vor allem durch die Stärkung der Rechte erreicht werden. Auch muss die Stigmatisierung bekämpft werden. TAMAR spielt hier eine große Rolle: Sie unterstützt die Betroffenen dabei, ein unabhängiges Leben zu führen und versucht außerdem, die Sicht der Gesellschaft auf diesen Arbeitsbereich zu verändern.

Das erkennt auch die Kreis-Politik an und hat beschlossen, die finanzielle Unterstützung Ihrer so wichtigen Aufgabe von 33.000 auf 35.000 Euro zu erhöhen. Viele weitere Zahlen und Fakten wird Ihnen im weiteren Verlauf des Vormittags Sabine Saatmann, die Leiterin der Abteilung Ordnungsangelegenheiten der Kreisverwaltung, in ihrem Erfahrungsbericht nennen. Ich möchte mich daher darauf beschränken, Ihnen meinen aufrichtigen Dank aussprechen: Ein besonders wertvoller Beitrag ist übrigens auch Ihre Teilnahme am vom Kreisordnungsamt organisierten Netzwerk, das Polizei, Zoll, Finanzverwaltung und Gesundheitsamt miteinander verknüpft. Diese vernetzte Zusammenarbeit stärkt die Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, und fördert den wichtigen Austausch zwischen den beteiligten Institutionen.

Im Namen des Kreises Soest danke ich Ihnen allen für Ihre großartige Arbeit. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft, Erfolg und Gottes Segen. Der Prostituierten- und Ausstiegsberatung TAMAR, ihren Mitarbeiterinnen, der Trägerorganisation – der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V. – sowie allen Unterstützerinnen und Unterstützern wünsche ich alles Gute für die Zukunft.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Fachtag – Drei Vorträge, drei Perspektiven auf Sexarbeit

Der feierliche Rahmen bot Anlass für drei Expertinnen-Vorträge. Maia Ceres, Sexarbeiterin und Mitglied im Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen, schildete die Auswirkungen der Gesetze zur Prostitution aus der Perspektive der Sexarbeiter*innen. Sie äußerte sich besorgt zur bundesweit kontrovers debattierten Einführung eines Sexkaufverbots: „Es bringt uns in Lebensgefahr, egal, ob wir privilegiert sind oder bereits unter prekären Bedingungen arbeiten.“

Sabine Saatmann

Sabine Saatmann, Abteilungsleiterin Ordnungsangelegenheiten im Kreis Soest, berichtete über die Erfahrungen mit Sexarbeit über das Kreisordnungsamt hinaus: „Wir machen keinen Hehl daraus, dass wir Teil eines Netzwerks sind – mit unterschiedlichen Perspektiven.“

Nathalie Eleyth

In ihrem Vortrag warnte Nathalie Eleyth von der Ruhr-Universität Bochum vor Verallgemeinerungen in der komplexen Debatte um Sexarbeit und klärte auch über Begrifflichkeiten auf: „Menschenwürde bedeutet in der heutigen Zeit, die Fähigkeit zur Selbstbestimmung von Menschen anzuerkennen.“

Anne Heckel

Auch die EFHiW plädierte für einen sachlichen Diskurs über Sexarbeit und ihre Legitimität. „Ein Verbot der Prostitution verschiebt diese in die Illegalität. Die Frauen sind dann Gewalt und Ausbeutung schutzlos ausgeliefert und verlieren die Möglichkeit, sozial- und krankenversichert zu sein“, betonte Anne Heckel, theologische Referentin und Geschäftsfeldleitung der Anti-Gewalt-Arbeit der EFHiW.

Fotogalerie

Impressionen von der Geburtstagsfeier zu 10 Jahren TAMAR am 01.10.2024.

10 Jahre TAMAR, Foto 1
10 Jahre TAMAR, Foto 2
10 Jahre TAMAR, Foto 3
10 Jahre TAMAR, Foto 4
10 Jahre TAMAR, Foto 5
10 Jahre TAMAR, Foto 6
10 Jahre TAMAR, Foto 7
10 Jahre TAMAR, Foto 8
10 Jahre TAMAR, Foto 9
10 Jahre TAMAR, Foto 10
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10 Jahre TAMAR, Foto 12
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10 Jahre TAMAR, Foto 14