2.185 Menschen. 2.185 Schicksale. Ein Auftrag an uns alle.

Das Terrakotta-Motiv „El viaje“ von Maria Ballester zeigt eine große Figur, die zahlreiche kleine menschliche Köpfe und Körper wie in einem Boot trägt.

Evangelische Frauenhilfe in Westfalen ruft am Tag der Menschenrechte zum Gedenken an die Toten auf Europas Fluchtrouten auf und fordert ein klares Bekenntnis zu Seenotrettung und Asylrecht Das Mittelmeer ist für Tausende Menschen zur tödlichen Grenze geworden. Sie fliehen vor Krieg, Verfolgung, Gewalt und Perspektivlosigkeit – und verlieren auf der Suche nach Schutz ihr Leben. Ihre Namen bleiben oft unbekannt, ihre Geschichten unerzählt. Am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, ruft die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen (EFHiW) deshalb zu eindrucksvollen Gedenkaktionen auf. Sie will die Menschen sichtbar machen, die auf Europas Fluchtrouten gestorben sind, und zugleich ein deutliches Zeichen gegen das Wegsehen setzen. Denn hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Und hinter jedem verlorenen Leben die Frage, wie viel uns Menschenrechte wert sind. Die Zahlen sind erschreckend: Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen im Jahr 2025 mindestens 2.185 Menschen im Mittelmeer ums Leben oder gelten als vermisst. Die meisten Todesfälle wurden im zentralen Mittelmeer registriert. Hinzu kommen 1.214 dokumentierte Todesfälle auf der Atlantikroute zu den Kanarischen Inseln. Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte noch deutlich höher liegen. Viele Schiffsunglücke bleiben unbemerkt, Informationen aus der Seenotrettung fehlen – solche Fälle werden als „unsichtbare Schiffsunglücke“ bezeichnet. Zwar erreichten 2025 deutlich weniger Menschen über das Mittelmeer Europa als noch 2015, und auch die Zahl der Todesopfer und Vermissten ist im Vergleich zu damals zurückgegangen. Doch diese Entwicklung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Flucht über das Meer weiterhin lebensgefährlich ist. Die UN-Flüchtlingshilfe spricht von 155.100 Ankünften über das Meer im Jahr 2025. Jeder einzelne Mensch, der sich auf diese gefährliche Reise begibt, braucht Schutz und eine sichere Perspektive. „Menschen aus Seenot zu retten ist keine Frage für Debatten, es ist eine menschenrechtliche Verpflichtung!“, betont Pfarrerin Birgit Reiche, Geschäftsführerin der EFHiW. Seit 2019 ist die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen Teil des Bündnisses United4Rescue, das zivile Seenotrettungsorganisationen unterstützt und Rettungseinsätze durch Spenden ermöglicht. Das Bündnis setzt sich dafür ein, Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren – unabhängig davon, woher sie kommen oder warum sie fliehen. Gedenken, das sichtbar macht – und zum Handeln auffordert Um den Toten zu gedenken und das Ausmaß der Tragödie sichtbar zu machen, wurden am Tag der Menschenrechte bis 2024 an verschiedenen Orten Tausende Papierboote ausgelegt. Jedes Boot stand für ein verlorenes Leben. Auch in diesem Jahr könnte eine Aktion mit 2.185 Papierbooten die Dimension des Sterbens auf eindringliche Weise veranschaulichen. Die Boote machen sichtbar, was hinter den Statistiken häufig verschwindet: Menschen, deren Hoffnungen auf ein Leben in Sicherheit auf dem Meer endeten. Die EFHiW ermutigt dazu, eigene Gedenkaktionen zu gestalten und das Schweigen zu durchbrechen. Beim „Meer der Namen“ werden kleine Schiffchen, Blumen oder Lichtobjekte auf Wasserflächen ausgesetzt. Ihre Bewegung erinnert an die gefährliche und ungewisse Reise der Menschen auf der Flucht. Eine Schweigeaktion am Wasser bietet die Möglichkeit, eine Rose, ein Licht oder ein Namensschild still in den Händen zu halten und die Blumen anschließend dem Wasser zu übergeben. Auch im öffentlichen Raum lässt sich ein Zeichen setzen: Koffer und Taschen, versehen mit Zitaten oder Geschichten von Geflüchteten, können an Bahnhöfen oder in Einkaufsstraßen an die Hoffnung auf ein sicheres Leben erinnern – und an das, was Menschen auf ihrer Flucht zurücklassen müssen. Bei stillen Demonstrationen tragen Teilnehmende schwarze Kleidung und Schilder mit der Aufschrift: „Ich bin eine von mehr als 2.185“. So wird aus einer abstrakten Zahl ein sichtbarer Appell an die Gesellschaft. Aktionsmaterialien stellt United4Rescue auf seiner Internetseite zur Verfügung. Seenotrettung ist Menschlichkeit – Abschottung darf nicht zur Antwort werden Seit 2015 konnten mehr als 175.000 Menschenleben gerettet werden – trotz wachsender politischer und bürokratischer Hürden für die zivile Seenotrettung. Gleichzeitig setzt die Europäische Union weiterhin auf Abschottung und nimmt dabei Konflikte mit den Verpflichtungen des internationalen Seerechts in Kauf. Die Bundesregierung hat zudem ab 2025 die Förderung der zivilen Seenotrettung eingestellt. Als Begründung wird unter anderem angeführt, Rettungsschiffe könnten Menschen dazu ermutigen, die gefährliche Überfahrt zu wagen. United4Rescue widerspricht dieser Argumentation. Viele Menschen haben bereits die Sahara durchquert – eine Wüste, die deutlich größer als das Mittelmeer und ebenfalls äußerst gefährlich ist. Die Gründe für ihre Flucht und ihr Wunsch nach Schutz wiegen schwerer als die Frage, ob ein Rettungsschiff auf dem Meer unterwegs ist. Das Bündnis bringt es auf den Punkt: „Niemand [wird] sein Leben in einem kleinen Boot riskieren, wenn man sichere Einreisemöglichkeiten bietet.“ Sandra Bils, Sprecherin von United4Rescue, unterstreicht die Bedeutung der zivilen Seenotrettung: „Zivile Seenotrettung ist ein Akt der Menschlichkeit und des Widerstands gegen das Wegsehen. Solidarität ist kein Verbrechen. Aber das Sterbenlassen ist eines.“ Das Recht auf Asyl ist ein Grundrecht – und darf nicht zur Verhandlungsmasse werden Neben der Seenotrettung steht auch das europäische Asylrecht zunehmend unter Druck. Mitte Oktober 2026 appellierte United4Rescue gemeinsam mit 37 weiteren Organisationen eindringlich an die Bundesregierung, sich für das Grundrecht auf Asyl einzusetzen. Hintergrund sind Vorschläge, die beim Treffen des Europäischen Rates erstmals diskutiert wurden: In bestimmten Situationen, etwa bei einer sehr hohen Zahl von Ankünften infolge einer vermuteten Instrumentalisierung von Migration durch Drittstaaten, könnte das Asylrecht ausgesetzt werden. Die Folgen wären gravierend. Menschen könnten an den europäischen Außengrenzen zurückgewiesen werden, noch bevor sie überhaupt erklären dürften, warum sie Schutz suchen. Ob ihnen Verfolgung, Krieg oder Folter drohen, würde dann möglicherweise nicht geprüft. Schon heute erleben Schutzsuchende an Europas Grenzen Gewalt und werden durch sogenannte Pushbacks daran gehindert, ihr Recht auf Asyl wahrzunehmen. Eine rechtliche Legitimierung solcher Praktiken würde einen folgenschweren Bruch mit den europäischen Grundrechten bedeuten. Denn das Recht, Asyl zu suchen, ist ein integraler Bestandteil der europäischen Grundrechte. Die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen schließt sich deshalb dem eindringlichen Appell von United4Rescue und den 37 weiteren Organisationen an: Die Bundesregierung muss sich auf europäischer Ebene klar und unmissverständlich für die europäischen Grundrechte und das Recht auf Asyl einsetzen. Menschenrechte gelten nicht nur dann, wenn ihre Wahrung politisch bequem ist. Sie müssen gerade dann verteidigt werden, wenn Menschen auf der Flucht besonders schutzbedürftig sind. Ein Zeichen setzen – für jedes Menschenleben Der Tag der Menschenrechte am 10. Dezember ist mehr als ein Gedenktag. Er ist eine Aufforderung, Verantwortung zu übernehmen und aus Worten Taten werden zu lassen. Die EFHiW ruft dazu auf, sich an Gedenkaktionen zu beteiligen, die Schicksale der auf der Flucht Verstorbenen sichtbar zu machen und sich gegen das Vergessen zu stellen. Zugleich fordert sie ein staatlich organisiertes Seenotrettungssystem, das Menschenleben schützt und das Sterben im Mittelmeer endlich beendet. 2.185 Menschen – das sind mindestens 2.185 Gründe, nicht wegzusehen. Es sind 2.185 Schicksale, die uns daran erinnern, dass Menschenwürde und Menschenrechte nicht an Grenzen enden. Wer das Sterben auf dem Meer beenden will, muss sichere Fluchtwege ermöglichen, die zivile Seenotrettung unterstützen und das Recht auf Asyl schützen. Die Frage ist nicht, ob wir helfen können. Die Frage ist, ob wir bereit sind, unserer menschenrechtlichen Verantwortung gerecht zu werden.